Ehebruch endet tödlich – ob im Affekt oder als Ritual



Opernpremiere Der Italienische Doppelabend in Nürnberg mit „Cavalleria rusticana“ und dem „Bajazzo“ überzeugt szenisch und musikalisch. Der großartige Tenor Gerhard Siegel verabschiedet sich mit Canio und Bajazzo aus dem Ensemble

VON MONIKA BEER, FT

Nürnberg - Zwei Publikumsrenner in einem Aufwasch: Das ist, auch wenn die Werke inhaltlich und stilistisch gleich scheinen, nicht unbedingt einfach für die Regie. Jakob Peters-Messer hat in Nürnberg die beiden meist gespielten Operneinakter so auf die Bühne im Opernhaus gebracht, dass Opernfreunde sich schnell Karten sichern sollten. Es lohnt sich.
Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana" und „Der Bajazzo" von Ruggero Leoncavallo, 1890 bzw. 1892 uraufgeführt, sind zwei nicht abendfüllende Einakter, die die Theaterpraxis schon lange zusammen geschweißt hat. Wer in italienischem Kolorit und geballter Dramatik schwelgen will, wird damit jetzt auch von den Nürnberger Philharmonikern unter Philipp Pointner - und trotz Streichung des beliebten „Bajazzo"-Glockenchors - überreich bedient.
Hass, Eifersucht und Rache sind das Thema dieser Zwillinge, die Musiktheaterdoyen Joachim Herz zu Recht als ungleich bezeichnet hat. Zwar geht es bei- de Male um tödlich endenden Ehebruch, aber bei der „Cavalleria" ist der Messerkampf ein gesellschaftlich vorgegebenes Ritual, während der Doppelmord im „Bajazzo" die Affekthandlung eines Einzelnen ist.
Die Nürnberger Neuinszenierung versucht mit Erfolg, die Unterschiede deutlich zu machen. Der Einheitsraum von Markus Meyer mit Drehbühne und dem mit Türöffnungen bestückten Halbrund in hellem warmen Orange gibt abstrahierend gleichsam den italienischen Grundton an. In der eher archaischen „Cavalleria" dominieren ein riesiges Marienbildnis und Kaffeehausstühle die Szene, im „Bajazzo" schlägt das buntleuchtende und irgendwie auch merkwürdige Theaterkarussell einen sofort in Bann.
Die Kostüme von Sven Bindseil sind ziemlich heutig und bei den Choristen gegensätzlich: dunkle Einheitskleidung in der „Cavalleria", um die Aura des (Ver-) Schweigens und den gesellschaftlichen Druck zu verdeutlichen, modische Vielfalt im „Bajazzo", wo die Handlung sich ja erst vor aller Augen entwickelt.
Die Personenregie differenziert entsprechend diesem Konzept. Der „Cavalleria"-Chor ist eine immer wieder im Gleichschritt agierende Masse und dadurch eine Hauptperson, während im „Bajazzo" die Choristen als lauter Individuen auf der Bühne stehen, die das Geschehen zwar begleiten, es aber nicht mitbestimmen, sondern Publikumsreaktionen spiegeln. Dass Jakob Peters-Messer gleich zu Beginn der „Cavalleria" auch das Ende zeigt, macht Sinn. Santuzzas Entehrung und Lolas Ehebruch haben längst stattgefunden, das Stück zeigt eigentlich nur noch die tödlichen Konsequenzen dieser Handlungen.
Clarry Bartha ist eine packende Santuzza. Wie sie auf der Bühne hin- und herjagt, wie sie den Schmerz und die Verzweiflung der Betrogenen auch körperlich umsetzt, berührt unmittelbar. Nur das zwanghafte Wippen bzw. Vorbeugen des Oberkörpers macht wenig Sinn bei einer Liebenden, die ihre Entehrung kaum als Vergewaltigung, sondern lieber als Erfüllung empfinden dürfte. Barthas Sopranstimme ist etwas angerauht, braucht einen gewissen Anlauf, um voll zu erblühen. Bei der Premiere am Samstag gelang das bis hin zum Gänsehauteffekt. Gast-Tenor Carlos Moreno kann ihr als Turiddu sängerisch das Wasser reichen, darstellerisch bleibt er leider um Welten zurück. Teresa Erbe (Lucia), Tara Venditti (Lola) und vor allem Sang Lee (Alflo) legen für das Haus Ehre ein. Letzterer ist als einziger auch im zweiten Teil des Abends präsent - und wie! Sang Lee (Tonio/ Taddeo) ist sängerdarstellerisch ein böser Underdog, wie er im Libretto steht: stimmstark sein Bariton, ausdrucksvoll sein Spiel. Die junge Anna Gabler (Nedda/Colombina) wagt kostbaren Pianogesang und intonationssichere Ausbrüche. Was sie an Stimmmaterial und Spieltalent mitbringt, lässt viel hoffen. Song-Hu Liu (Silvio) und Timo Päch (Peppe/Arlecchino) ergänzen das Solistenensemble, in dem zum letzten Mal auch Gerhard Siegel (Canio/Pagliaccio) wie ein Solitär glänzt. Der Tenor verlässt Nürnberg, sein Bayreuth-Debüt als Mime im neuen „Ring" steht vor der Tür.


Weitere Vorstellungen Termine Der Doppelabend mit „Cavalleria rusticana" und „Pagliac- ci" (in italienischer Originalsprache mit Surtitles) wird im Opernhaus Nürnberg aufgeführt am 25. Februar, am 1„ 16., 19.. 26. und 29. März, am 1., 9., 17., 24. und 29. April sowie am 5. Mai. Karten Zum Ortstarif unter Telefon 0180-1-34 42 76, per Fax unter (0911) 81019 99 und unter www.staatstheater.nürnberg.de